28.07.2006

Abschied vom Gestern - Abschied vom Alleinernährermodell. Ein Kommentar anlässlich des Grünen Zukunftskongresses

Die traditionelle Versorgerehe ist ein Auslaufmodell. Dagegen fordern wir die eigenständige Existenzsicherung von Frauen. Eine eigenständige Existenzsicherung kommt den Wünschen der meisten Menschen entgegen: Frauen reicht es längst nicht mehr aus, einen kompletten Lebensabschnitt als Hausfrau und Mutter zu verbringen – und danach womöglich als zu alt zu gelten, um wieder in den Beruf zurückzukehren. Und viele Männer empfinden es heute als Belastung, Alleinverdiener und damit allein verantwortlich für die materielle Versorgung der Familie zu sein.

 

Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist bekanntlich schwierig und die Lage am Arbeitsmarkt hat sich für Frauen keineswegs verbessert. Vor allem in Westdeutschland hat sich das „Eineinhalb-Modell“ in Familien etabliert, der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau nach mehr oder weniger kurzer Elternzeit Teilzeit.

 

Deutschland gilt als „konservativer Wohlfahrtsstaat“ mit starker Familienorientierung. Dieser Staat zeigt sich erstaunlich resistent gegenüber den längst überall sichtbaren Veränderungen in der Gesellschaft und wird damit der Lebensrealität der meisten Menschen nicht mehr gerecht. Reformen sind daher dringend nötig. Das Leitbild des männlichen Familienernährers, der die Existenz von Frau und Kindern durch seine Erwerbsarbeit und die daraus abgeleiteten Sozialversicherungen (Mitversicherung in Krankenkasse, Witwenrente) sichert, ist nicht mehr zeitgemäß. Ein Drittel aller Ehen wird heute geschieden. Die Unterhaltszahlungsmoral der Männer für Ex-Frauen und Kinder ist extrem schlecht, die Armutsquote Alleinerziehender hoch. Die Hinterbliebenenrenten wurden reduziert. Erwerbslosigkeit von Männern führt zu einer schwierigen Situation für die ganze Familie.

 

Die Zustimmung zu gleichberechtigter Partnerschaft ist daher hoch. Frauen wollen heute unabhängig sein – sie wissen, dass die Aufgabe der Erwerbstätigkeit das Risiko eines niedrigen Erwerbsstatus´, niedrigen Einkommens und Altersarmut bedeutet. Sie haben verfügen über gute Ausbildungen und wollen erwerbstätig sein. Aber die abgeleiteten Sicherungsansprüche stehen einer eigenständigen Existenzsicherung von Frauen im Wege, denn sie verhindern Erwerbsarbeit eher, als dass sie sie fördern.

 

Zugleich können eigenständige Sozialleistungen (fast) nur über Erwerbsarbeit erworben werden, Frauen haben aber auch wegen der ihnen zugeschriebenen Zuständigkeit für die Familie nicht die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kleinere Weiterentwicklungen unseres Sozialstaatsmodells, die es aus diesem Grund gegeben hat, nämlich die verschiedenen Kompensationen für Familienarbeit (Elternzeit, -geld, Kinderbonus in der Rente etc.) sind zwar im Prinzip zu begrüßen, sind gleichzeitig unter den gegebenen Bedingungen aber auch weitere Anreize für die Nichterwerbstätigkeit von Frauen.

 

Nun wird vor dem Hintergrund der Finanzierungsprobleme der Sozialversicherungen über eine Umwandlung, Reduktion oder Abschaffung dieser abgeleiteten Ansprüche diskutiert. Das greift aber zu kurz. Es ist an der Zeit, über eine generelle Neustrukturierung der Sozialversicherung und des Arbeitsmarktes zu diskutieren. Die immensen Summen, die wir heute in ein veraltetes System stecken – Familienernährerlöhne, Sozialversicherungsansprüche für die mitversicherte Ehefrau, Ehegattensplitting – könnten genauso gut in eigenständige Ansprüche von Frauen investiert werden. Dann müssten Frauen keine abgeleiteten Wesen mehr sein. Und auch die Männer könnten aufatmen: Phasen der Erwerbslosigkeit zum Beispiel, die heute viele Menschen erleben, wären für eine Familie immer noch eine Einbuße – aber keine Katastrophe mehr. Eine solche Veränderung der sozialen Sicherungssysteme muss aber Hand in Hand gehen mit einer weiteren Veränderung in der Gesellschaft. Einer wirklich gerechten Verteilung der Familien- und Erwerbsarbeit auf beide Geschlechter. Nach Berechnungen verschiedener Forschungsinstitute könnte dies auch enorme wirtschaftliche Kapazitäten freisetzen.

 

Die Anzahl erwerbstätiger Frauen steigt zwar stetig, das Arbeitsvolumen der Frauen bleibt jedoch nahezu gleich. Anders ausgedrückt: Der Anstieg der Erwerbsarbeit liegt an der Ausweitung der Teilzeitarbeit und der geringfügigen Beschäftigung, die vorhandene Arbeit wird zwischen immer mehr Frauen geteilt. So können immer weniger erwerbstätige Frauen ihren Unterhalt selbst bestreiten. Dagegen führen Vollzeitarbeitsplätze von Frauen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, vor allem in Dienstleistungssektor.

 

Die Widerstände gegen die nötigen Veränderungen sind zahlreich. Wir können nicht von einer „Win-Win-Situation“ für alle Beteiligten sprechen. Männer müssten Geld und Macht abgeben und Familienarbeit übernehmen. Frauen müssten finanzielle Verantwortung übernehmen, sich von liebgewordenen Absicherungen verabschieden und die Verantwortung für die Familienarbeit auch wirklich zu teilen. Diese Veränderungen sind aber notwendig, denn der bestehende patriarchale Sozialstaat versperrt den Weg in eine geschlechtergerechte Zukunft.

 

Was kann die Politik tun? Sie muss die Anreize zu Ausstieg, Unterbrechung oder Reduzierung der Erwerbsarbeit zurückfahren und die Rahmenbedingungen für eine verstärkte Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt schaffen. Möglichkeiten einer vorübergehenden Auszeit für beide Geschlechter, ohne aus den sozialen Sicherungssystemen zu fallen, halten wir für erstrebenswert. Auch dies ist ein Grund dafür, dass wir die Rolle der Männer stärker in den Blick nehmen müssen. Eine aktive Gleichstellungspolitik am Arbeitsmarkt ist dafür genauso wichtig wie eine Gleichstellung an der Wiege und im Haushalt.

 

Prekäre Beschäftigung ist kein Modell für eine individuelle Absicherung von Frauen und Männern. Eine Verkürzung der Arbeitszeiten würde mindestens gesellschaftlich hohen Gewinn bringen. Auch muss sich die Unternehmenskultur verändern. Die nahezu unbeschränkte zeitliche Verfügbarkeit, die von häufig Führungskräften gefordert wird ist nicht mit Familie vereinbar – nicht, wenn beide Eltern erwerbstätig sein wollen. Wir brauchen Unternehmen, die auch in Kinderbetreuung investieren und das Engagement von Vätern in der Familie fördern. Nicht zuletzt aber ist Kindererziehung eine gesellschaftliche, nicht rein private Aufgabe. Der zügige und verstärkte Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen ist dringend erforderlich.

 

 

 



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