Laudatio für Seyran Ates anlässlich der Preisverleihung des Respektpreises 2012

Irmingard Schewe-Gerig, SeyranAtes und Christa Stolle
Irmingard Schewe-Gerig, Seyran Ates und Christa Stolle

Wie schön, dass du heute hier bist, liebe Seyran, und wie mutig, couragiert und – ja,
angesichts von Herdprämie und Islamophobie darf man es wohl sagen – notwendig,
dass du dich weiter für die Rechte von Frauen stark machst- auch wenn Du das fast
mit Deinem Leben bezahlt hättest.
Dass wir heute ein Gesetz gegen Zwangsehen in Deutschland haben, ist Dir und
Deinem Engagement zu verdanken. Und Du warst es, die zum ersten Mal darüber
gesprochen hat, dass wir gerade bei diesem Thema Lesben und Schwule besonders
in den Blick nehmen müssen. Ohne Zweifel: Eine Zwangsverheiratung ist eine
Menschenrechtsverletzung. Was es aber für eine lesbische Frau, die mit einem Mann
und einem Schwulen, der mit einer Frau verheiratet wird, bedeutet, dieses Leid
können nur die Betroffenen ermessen.
Die Aufmerksamkeit, die in der Öffentlichkeit dem Thema „Ehren“-Morde, besser
gesagt Schwesternmorde, zukommt, verdanken wir ebenfalls ihr und gleichzeitig hilft
sie in ihrer Kanzlei etlichen Frauen persönlich, ihre Freiheit, ihr Leben und ihre
Zukunft selbst zu gestalten.
Kurz gesagt: Seyran Ates zeigt als Anwältin, in der öffentlichen Debatte und – das
beeindruckt mich am meisten – in ihrer gesamten Biographie, dass logisches
Abwägen, kühles Schlussfolgern und offenes Nachdenken über Alternativen für jedes
noch so emotional bewertete Problem eine Lösung bieten können.
Sie geht dabei konsequent von der Würde des Menschen, seinem
Selbstbestimmungsrecht auf eigene Meinung, Lebensführung und Freiheit aus.

Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Identität, der Religion oder
der Kultur entlarvt sie in ihren Statements als Relikte einer überholten Weltsicht, als
unnötig, sozial schädigend und auch für die Zugehörigen der scheinbar überlegenen
Gruppe als belastend.
Sie macht deutlich: Die Rechte von Lesben und Schwulen sind Menschenrechte.
Wer Seyran Ates zuhört, wird nicht für einen „Kampf gegen die Unterdrücker“
aufgeheizt und angestachelt, sondern stellt sich am Ende die Frage, warum sie über
die Zukunft sprechen muss; warum wir noch darauf warten müssen so zu leben,
dass Jedem ihre Argumente geläufig und eingängig sind, dass ihre Ziele die uns
umgebende Realität sind...
Mit dieser Frage habe ich mir Kommentare aus den Medien und von vergangenen
Preisreden – von denen es eine Vielzahl gibt – angeschaut.
Ich musste feststellen, dass Seyran Ates, die Frau, die seit über 40 Jahren in Berlin
lebt, unsere Kultur bestens versteht und durchschaut, als von-Außen-kommende, als
nicht-ganz-Dazugehörende stilisiert wird. Wie fast 20% der Menschen in Deutschland
hat Seyran Ates einen Migrationshintergrund. Wie ca. 50% der Menschen in
Deutschland ist Seyran Ates als Frau geboren.
Wie 0,2% der Menschen in Deutschland ist sie Anwältin.
Diese Eigenschaft; der Lebensinhalt, sich für andere stark zu machen, anderen zu
ihrem Recht zu verhelfen, durch individuelle Hilfe Beistand zu leisten und ehrlich
interessiert nach Wünschen und Zielen zu fragen – das vor allem unterscheidet
Seyran Ates von der Mehrheit der Bevölkerung.
So lange aber ihr Familienhintergrund, ihre Religion und ihr Geburtsort als
differenzierende Merkmale präsentiert werden, hat sie – und haben wir alle - noch
viel zu tun.
Sie hat selbst gezeigt, dass Prägung durch Strukturen und das Leben in ihnen nicht
zwangsläufig zu einem dementsprechenden Weltbild führen müssen. Sie steht dafür,
dass Individualität sich ihren Weg gegen Widerstände bahnt. Dass Charakter und
Eigensinn unabhängig von sozialen Klischees ausgebildet werden können. Dass jeder
Mensch dem anderen so ähnlich oder fremd ist, wie man es halt sehen möchte.
Und dass solche Zugehörigkeiten zu einer Gruppe wie Geschlecht, Religion, sexuelle
Identität usw. in der Zukunft wirklich keine Rolle mehr spielen. Wenn wir die
Diskriminierung aufgrund dieser Faktoren und die allzu rigorosen Vorschriften und
Verhaltensweisen innerhalb dieser Systeme überwunden haben, werden wir sie nicht
mehr als Merkmale sehen.
Und mit einem Blick nach Hannover; wo gerade der CDU-Parteitag stattfindet, kann
ich nur sagen:
Wenn Menschen in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft Verantwortung
füreinander übernehmen, den Staat sogar von Fürsorgeaufgaben entlasten, sollte
dieser Staat ihnen auch die gleichen Rechte gewähren wie sie Ehepaare haben.
Dass es in nicht allzu langer Zeit so kommen wird, daran habe ich keinen Zweifel:
Die Aufklärung hat die Herrschaft der Kirche untergraben, die Ständegesellschaftwurde abgeschafft (auch wenn man heute zum Teil den Verdacht nicht loswird, sie
kehre zurück...), Menschenrechte wurden formuliert und lösten eine Lawine von
Gesetzesänderungen aus, die individuelle Freiheiten sichern, Rechtegleichheit
garantieren und noch lange nicht genug sind. Doch der Weg ist klar: Irgendwann –
ich hoffe, in nicht allzu ferner Zukunft – wird Seyran Ates nicht mehr die „offensive
Frauenanwältin“ oder die „deutsch-türkische Feministin“ sein, sondern die Pionierin,
die einfach ihrer Zeit voraus war mit ihren Forderungen, Ansichten und Lösungen.
Tun wir etwas dafür, dass es schnell so kommt.
Aber davor wollen wir nicht vergessen, Dir, sehr geehrte Seyran Ates, für das zu
danken, was Du für uns alle getan hast und weiter tun wirst.
Nichts trifft es hier besser, als der Name deines heutigen Preises: Respekt!!

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