Grußwort zum 20-jährigen Bestehen des Frauenhauses Ennepe-Ruhr-Kreis

Ich möchte Ihnen in meinem Grußwort heute aber auch ganz ehrlich sagen, dass meine Freude über Ihr Jubiläum auch einen faden Beigeschmack hat. Der fade Beigeschmack hat nichts mit Ihnen und der großartigen Arbeit zu tun, die Sie hier jeden Tag leisten.
Der fade Beigeschmack hat mit den Ursachen zu tun, warum diese Arbeit überhaupt getan werden muss und – vor allem – immer noch getan werden muss!

Ich betone dieses „immer“ so ausdrücklich, weil wir in diesem Jahr nicht nur das Jubiläum ihres Frauenhauses feiern, sondern auch das Jubiläum eines Gesetzes, das für ihre Arbeit und vor allem für gewaltbetroffene Frauen eine große Relevanz hat: das sogenannte Gewaltschutzgesetz.
Als es vor über 10 Jahren die ersten Überlegungen zur Einführung dieses Gesetzes gab, verbanden wir damit auch die Hoffnung, dass Frauenhäuser in einigen Jahren nicht mehr gebraucht werden oder zumindest nicht mehr so stark von gewaltbetroffenen Frauen frequentiert werden würden. Und wir hatten diese Hoffnung nicht, weil wir die utopische Vorstellung hatten, dass es zukünftig keine Gewalt mehr in Beziehungen geben wird.
Doch mit dem Gewaltschutzgesetz wurde die Grundlage geschaffen, dass bei Häuslicher Gewalt nicht auch noch der Täter das Recht hat - oder sich das Recht nimmt -, in der gemeinsamen Wohnung zu bleiben, während die Frau fliehen muss. Dank der sogenannten „Wohnungszuweisung“ kann die Polizei dem Täter das Betreten der Wohnung verwehren – und dieses Verbot sogar bis auf 6 Monate ausdehnen.
Dieses Gesetz war ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Häuslicher Gewalt: der Täter muss gehen, das Opfer bleibt!

Heute können wir anhand der hohen Fallzahlen sehen, dass das Gesetz sehr erfolgreich angewendet wird. Auf der anderen Seite aber zeigen die Zahlen auch etwas, das von vielen schon vorher lange vermutet wurde: die erschreckend hohe Ausmaße von Häuslicher Gewalt in unserer Gesellschaft.

Denn nach wie vor sind die Frauen, die in ein Frauenhaus fliehen müssen, nur die Spitze des Eisbergs. Die wenigsten von Gewalt betroffenen Frauen entscheiden sich zu diesem Schritt. Und mit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes verbanden wir damals die Hoffnung, dass zukünftig weniger Frauen diesen Schutz vor Gewalt in Anspruch nehmen müssten.
Doch was sehen wir heute, nicht nur hier im Kreis, sondern in ganz Deutschland: Kein einziges Frauenhaus ist in der Zwischenzeit überflüssig geworden (das heißt aber nicht, dass nicht Frauenhäuser schließen mussten)!
Im Gegenteil: Viele Frauenhäuser sind so stark ausgelastet, dass sie regelmäßig keine Frauen mehr aufnehmen können. (Und das, meine Damen und Herren, ist wirklich ein Skandal, in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland! Banken können wir retten, aber gewaltbetroffene Frauen nicht?)
Die Bundesregierung hat es in diesem Jahr selber festgestellt: Etwa 9.000 Frauen müssen jährlich von den Frauenhäusern abgewiesen werden, aus den verschiedensten Gründen. Dazu gehört Überfüllung, aber häufig fehlt auch eine adäquate Ausstattung. Viele Frauenhäuser sind nicht in der Lage, Frauen mit Einschränkungen aufzunehmen. Schon ein Rollstuhl kann ein Hindernisgrund sein. Dabei hat die Bundesregierung auch hier festgestellt (denn Studien erstellen können sie, bloß daraus auch die richtigen Konsequenzen zu ziehen, müssen sie noch lernen), dass behinderte Frauen noch viel stärker von Gewalt betroffen sind, als Frauen ohne Beeinträchtigungen. So hat jede zweite bis dritte Frau mit Behinderung im Laufe ihres Lebens sexuelle Gewalt erlebt!

Wenn ich sage, „mit in der Lage“, dann meine ich nicht etwa fehlendes Engagement oder fehlenden Willen der Mitarbeiterinnen, dann meine ich damit die miserable finanzielle Ausstattung, mit der Frauenhäuser, auch in Nordrhein-Westfalen, zurecht kommen müssen. Liebe Mitarbeiterinnen, Sie wissen es ja vielleicht selber: ohne ehrenamtliche Arbeit und unzählige unbezahlte Überstunden könnten einige Frauenhäuser in Deutschland ihre Pforten bald ganz schließen.

Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Gäste, auch nach 20 Jahren zeigt sich: Unsere Arbeit, also die Arbeit von Menschen, die sich gegen Gewalt engagieren, denn dazu gehört meine Organisation TERRE DES FEMMES auch, ist keineswegs überflüssig geworden. Es ist vielleicht eine traurige Bilanz, die wir nach zwei Jahrzehnten, wie bei Ihnen, oder auch nach über drei Jahrzehnten, wie bei TERRE DES FEMMES ziehen müssen: Die Gewalt in unserer Gesellschaft ist nicht weniger geworden. Doch, ein kleiner Trost, der Umgang mit ihr hat sich verändert. Die Situation hat sich für viele Frauen, die Gewalt erleben müssen,– nicht zuletzt auch durch Ihre Arbeit im Ennepe-Ruhr-Kreis und durch die Einführung des Gewaltschutzgesetzes – in den letzten Jahren erheblich verbessert.

Das heißt aber nicht, dass wir uns auf dem Erreichten ausruhen können! Noch immer erleiden viel zu viele Frauen in Deutschland, und auf der ganzen Welt, Gewalt durch Männer, Gewalt, die immer auch das Geschlechterverhältnis zementieren soll. Wir müssen weiter wachsam sein, dass sich die Situation für Frauen, auch in diesem Land, nicht wieder verschlechtert, ich sage nur Stichwort Herdprämie! Wir sollten auch nicht darauf vertrauen, was die Bundesregierung für Maßnahmen im Bereich Gewalt gegen Frauen initiiert. Denn nach wie vor, und da sage ich Ihnen ja nichts Neues, gibt es keine vernünftige, gesicherte Finanzierung der Frauenhausarbeit in Deutschland! Hier fordern wir von der Bundesregierung, dass sie endlich aus den Puschen kommt und eine Regelung findet, die es allen Frauenhäusern in allen Bundesländern und allen Kommunen ermöglicht, auf einer sicheren, soliden und solventen Basis ihre immer noch sehr notwendige Arbeit zu leisten! (Übrigens glaube ich, dass wir bei der Finanzierungsfrage von Frauenhäusern dieses Jahr auch ein Jubiläum feiern: seit mindestens 30 Jahren hat sich dafür noch keine einheitliche Regelung finden lassen.)

Die leidige Finanzierungsfrage führt letztendlich auch zu einem Paradox: Neben der eigentlichen Arbeit, der Betreuung der gewaltbetroffenen Frauen und ihrer Kinder, müssen Mitarbeiterinnen eines Frauenhauses ja noch viel mehr leisten: um den Betrieb am Laufen halten zu können, müssen Spendenaktion überlegt, organisiert und durchgeführt werden, die auch wiederum Arbeitszeit in Anspruch nehmen.

Ganz besonders an Ihrer Arbeit hier im Frauenhaus EN schätze ich auch immer wieder, dass Sie nicht nur mit den Folgen Häuslicher Gewalt umgehen, sondern durch Ihre Öffentlichkeitsarbeit immer wieder darauf hinweisen, dass Häusliche Gewalt uns alle, also die ganze Gesellschaft angeht. Häusliche Gewalt lässt sich nicht nur als ein individuelles Beziehungsproblem sehen, sondern Häusliche Gewalt ist auch Ausdruck eines strukturelles Problems: sie weist auf ein Geschlechterverhältnis hin, bei dem Männer mit Gewalt Frauen in eine unterdrückte und unterlegene Position zwingen wollen.

Gewalt gegen Frauen ist also auch immer wieder der Ausdruck eines Versuches, ein hierarchisches Geschlechterverhältnis zu zementieren. Aus diesem Grunde erscheint es mir problematisch, Häusliche Gewalt gegen Männer mit Häuslicher Gewalt gegen Frauen gleichzusetzen, wie dies zunehmend in den Medien und manchmal auch in der Politik geschieht. Auch hier gilt es für uns Frauen, wachsam zu sein, Veränderungsprozesse aufmerksam und kritisch zu beobachten und uns immer wieder einzumischen, wenn uns dies notwendig erscheint. Auch dies ist eine große Leistung Ihres Frauenhauses, dass Sie sich in den letzten Jahren immer wieder kritisch zu Wort gemeldet haben und keine Diskussion, auch nicht im Fernsehen, gescheuht haben! Auch hierfür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken!

„Der Weg hinaus – Gewinn Freiheit“ ist das Motto dieses Jubiläums. Ich kann den vielen gewaltbetroffenen Frauen in diesem Land nur wünschen, dass dieses Motto auch ihr persönliches Lebenscredo wird und sie – auch mit Ihrer Hilfe hier vom Frauenhaus EN – diesen Weg der Freiheit gehen können.

Solange aber in diesem Land immer noch Frauen von gewaltspezifischer Gewalt betroffen sind, solange werden wir uns nicht auf dem Erreichten ausruhen und weiterkämpfen in der Hoffnung, dass unsere Arbeit irgendwann mal nicht mehr nötig sein muss!

Bis dahin wünsche ich aber Ihnen, liebes Team vom Frauenhaus, weiterhin viel Kraft in der Unterstützung von Frauen, genügend finanzielle Mittel, um auch zukünftig vernünftig arbeiten zu können, viele Unterstützerinnen und Unterstützer auch von politischer Seite und möglichst wenig Gegenwind, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können: ein Leben für Frauen in Freiheit und Gewaltlosigkeit zu ermöglichen!

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