23.09.2011

Papstpolitik gegeißelt


Rede am 22.09. 11 bei der Kundgebung „Keine Macht den Dogmen“

Liebe Teilnehmer und Teilnehmerinnen der  Protestveranstaltung „Keine Macht den Dogmen“.

Ich spreche heute nicht nur als Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES,

sondern für alle der 67 an der heutigen Demonstration  beteiligten Institutionen, die sich für die Menschenrechte  von Frauen und Kindern, von  Homosexuellen, Inter- und Transsexuellen und Prostituierten einsetzen.

Und um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist keine Protestveranstaltung gegen gläubige Menschen – im Gegenteil, viele dieser Gläubigen sind heute unter uns und protestieren mit uns gegen eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes. Sie mahnen seit langem Reformen ihrer  Kirche an.

So mussten seit dem 2. Vatikanischen Konzil  weltweit über 100 000 katholische Priester ihr Priesteramt wegen einer Liebesbeziehung aufgeben. Der Ausschluss der Frauen zur Priesterweihe

ist ein weiterer Beleg für die frauenverachtende Ideologie des Vatikan.

Liebe Freundinnen und Freunde

Wir protestieren dagegen, dass der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche eine Rede im Deutschen Bundestag hält. Der Plenarsaal des Deutschen Bundestags ist ein Ort der Debatte,

ein Ort des Ringens um die Durchsetzung einer mehrheitsfähigen Position. Der Plenarsaal ist kein Ort zum unwidersprochenen Vortragen von Dogmen. Wir sagen dazu: Keine Macht den Dogmen.

Fatal finde ich es auch, dass der Papst das Parlament aufsucht, in dem Gesetze beschlossen werden, die er selbst nicht nur ignoriert, sondern  die er massiv bekämpft.

Was empfinden eigentlich die Abgeordneten, wenn Benedikt XVI in ihrem Plenarsaal Ansichten vertritt, die mit den  Rechtsprinzipien des Grundgesetzes unvereinbar sind?

Liebe Freundinnen und Freunde,

der Papst unterstützt die weltweite Diskriminierung von Frauen durch Herabsetzung, Bevormundung und Gefährdung ihrer Gesundheit.

Er  billigt eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik, kämpft gegen Gleichberechtigung

und  Selbstbestimmung.

Sexuelle und reproduktive Rechte von Frauen werden durch das Verbot von Schwangerschaftsverhütung und –abbruch missachtet.  Inter- und  transsexuelle Menschen werden vom Papst lapidar als Geschlechtswandler bezeichnet. Weiß er wirklich nicht, welchen Menschenrechtsverletzungen die meisten von ihnen ausgesetzt sind? Ein Blick ins Grundgesetz zeigt: Die Würde des Menschen ist unantastbar – das gilt auch für die geschlechtliche Autonomie.

Aber das Grundgesetz ist ja kein Maßstab für die Kirche.

Sie vermittelt i.ü. den Gläubigen  durch Homophobie,

Sexualfeindlichkeit und Überbewertung der Institution Ehe zwanghaft  dass selbstbestimmte Sexualität „sündhaft“ sei.

Dass Geschiedene, die erneut heiraten, zu diesen Sündigen zählen,

ist auch in Anbetracht der Lebensrealität unseres katholischen Bundespräsidenten makaber.

Und was hält die zum zweiten Mal verheiratete protestantischer Bundeskanzlerin davon ,  dass der Papst ihren Glauben als nicht vollwertig bezeichnet?

Und ein bisschen Schmunzeln über das Zusammentreffen mit dem „sündigen“ Regierenden  Bürgermeister von Berlin und dem ebenso „sündigen“ Außenminister, ist doch wohl auch erlaubt.

Berlin – ein Sündenpfuhl?

Ich frage mich: Wann wird die katholische Kirche endlich in der Realität des 21. Jahrhunderts angekommen sein?

Liebe Protestierende,

ob es zu einem Zusammentreffen mit Opfern von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche kommt, darüber gibt es nur Gerüchte. Aber eines ist die traurige Bilanz: Über 60% der Fälle fanden in kirchlichen Einrichtungen  statt, davon 45% in der katholischen Kirche, so die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Christine Bergmann.

Sie stellte ihre Arbeit unter das Motto: „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter“.

Auch hier hat die katholische  Kirche versagt. Sie hat das Schweigen erst gebrochen als es nichts mehr zu leugnen gab. Sie hat versucht alles zu vertuschen, hat sich ein eigenes Recht geschaffen,

wonach es In ihrem Ermessen liegt, ob eine derartige  Straftat überhaupt angezeigt wird. Erst sehr spät gab es die überfällige Entschuldigung bei den Opfern.

Eine ungeheuerliche Straftat, die die Missbrauchten ein Leben lang verfolgt.

Auch der Versuch, die Kirche als Opfer einiger Einzeltäter darzustellen, die psychisch gestört sind und eigentlich nicht für ihr Tun verantwortlich gemacht werden können, entbehrt jeder Realität.

Vielmehr zeigt sich: Die katholische Kirche bringt selbst sexualisierte Gewalt hervor. Patriarchale Machtverhältnisse sind die Basis dafür.

Dass es die kirchlichen Strukturen der Priesterausbildung selbst sind, die derartige Menschenrechtsverletzungen an Kindern ermöglichen, wird verschwiegen.

Wir fordern den Papst auf, diese Struktur und Ideologie zu verändern.

Aber auch als Staatsoberhaupt des Vatikanstaat, der Mitglied der Vereinten Nationen ist, kann der Papst  kein willkommener Gast sein.

Bei allen internationalen UN-Konferenzen steht der „Heilige Stuhl“ Seite an Seite mit fundamentalistischen Ländern, um die Frauenrechte einzuschränken. So  lange der Vatikanstaat weder das UN-Übereinkommen zur Beseitigungen jeder Form von Diskriminierung der Frau aus dem Jahre 1981 noch die europäische Menschenrechtskonvention von 1953 unterzeichnet hat, werden wir gegen diese menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik auf die Straße gehen.

Wir fordern den Papst auf: „Machen Sie Schluss mit dieser Politik, unterschreiben Sie endlich die UN-Konventionen, damit die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Identität in der Kirche ein Ende findet.



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